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Weihnachten

Sogar die Taubenscheiße roch nach Glühwein. Angewidert wischte der Mann mit einer alten Würstchenpappe den weihnachtlichen Vogeldreck unter seinen Schuhen fort.

Alles hätte er der Kirche verziehen: Hexenverbrennung, Woytila, ja sogar den schleimigen Sakro-Pop und die lila Halstücher. Aber daß immer noch dieses entsetzliche Weihnachtsfest unterstützt wurde, das war zuviel.

Mit hochgeschlagenem Kragen kämpfte sich der Mann durch die Fußgängerzone. Einem unvorsichtigen Weihnachtsmann rammte er beim Vorübergehen den Ellbogen in die Flanken, daß sich dieser vor Schmerzen krümmte, einem anderen stellte er so geschickt ein Bein, daß der Rauschebart im siedend heißen Fett der Reibekuchenbude verpuffte.

Schon nach vier, dachte der Mann, und erst zwei von den Schweinen erledigt. Im Eingangsbereich des Kaufhauses lockte wie in jedem Jahr ein Stand damit, die Geschenke für die Lieben in Weißblechdosen einzulöten. Keine fünf Minuten mußte der Mann warten, bis wieder einer dieser unausrottbaren Witzbolde erschien, einen Haufen Hundescheiße in die Dose packte und breit grinsend darauf wartete, daß der Verkäufer sie ihm versiegelte. Immer noch besser, dachte der Mann, als diesen Dreck unterm Tannenbaum vorzufinden, den die Marketingstrategen der Kaffeeröster alljährlich zum Fest in die Welt kotzten.

Wieder hatte sich ein Pulk dieser unendlich leidensfähigen Kundschaft vor dem Kaffeeladen versammelt, um einen Satz Frotteepantoletten für 19 Mark 80 oder ein Folienschweißgerät im englischen Landhausstil abzuschleppen. Ein kleiner Trost war es für unseren Mann, einen Penner zu beobachten, der sich direkt vor dem Kaffeedepot über einen Grabbelständer mit rosigen Plüschtieren erbrach. Respekt, dachte er. Noch ist nicht alles verloren in diesem Land.

Auch die verwahrlosten Gestalten mit den verfilzten Ponies gefielen ihm sehr gut. Immerhin machten diese Zirkustypen keine Musik wie die pseudo-peruanische Studentenband vor'm Fischladen. Zum x-ten Male wimmerte "El Condor Pasa" durchs Gewühl. Die falschen Indios besaßen immerhin noch soviel Anstand, sich wenigstens zur Kassettenmusik ein Bündel Bambusknüppel vor den spitzen Mund zu halten. Wenn der Mann überhaupt ein Weihnachtsgelulle für aushaltbar hielt, so waren das die Posaunenchöre, in denen vom Glühwein angeschickerte Konfirmanden so herrlich falsch "O Du fröhliche" auf den zerbeulten Messingeimern winselten. Einfach großartig.

Zack, da hatte es den dritten Weihnachtsmann erwischt. Durch einen kurzen, trockenen Schlag in die Weichteile tropfte der Mann mit den Nüssen aufs Trottoir. Geschieht ihm recht. Die eine Hälfte der Weihnachtsmänner bestand eh' aus Kaufhausdetektiven, während die andere Hälfte immerhin noch traditionell von Zivilbullen, Alkoholikern und Taschendieben gebildet wurde. Ein sauberer Verein.

Am liebsten waren ihm noch die Taschendiebe. Die stanken nicht nach Fusel und trugen keine Waffen unterm roten Rock. Jedes Mal, wenn er zum Dienst durch die Fußgängerzone ging, mußte er mindestens vier von den Typen umknicken, sonst hielt er es einfach nicht aus bei der Arbeit. Drei hätten wir, dachte er und bog in die Querstraße ein.

Vor ihm erstreckte sich nun die Kernzone des Horrors: Anisbonbons, Fischbrötchen, karzinogene Gyrosbrocken; hier gab es einfach alles, wovon sich einem der Magen umdrehte. Der Mann beschleunigte seinen Schritt, um der Symphonie des Grauens möglichst schnell zu entgehen. Dabei streifte er einen Rentner, dem das Hörgerät in die rotbraune Pampe seiner Currywurst fiel. Der Bremsweg der Currywurst-Freßmaschine war allerdings zu lang, um noch zu verhindern, daß die eingetunkte Hörhilfe automatisch hinter den dritten Zähnen verschwand.

Zabong, das saß. Mit einem 90-Grad-Schwinger der Aktentasche war der vierte Weihnachtsmann gefällt. Eilig stahl sich unser Mann unter den empörten Blicken der Umstehenden davon.

Nur noch wenige Meter, dann war er am Ziel angelangt. Keine zehn Sekunden später fiel hinter ihm die schwere Tür ins Schloß. Der Mann ging durch den Vorraum, stieg die steile Treppe hoch. Noch zwei Minuten, dann fing sein Dienst an. Er hängte den dicken Mantel an den Haken und setzte sich auf die Bank. Er massierte seine verfrorenen Finger, bis die Gelenke knackten, atmete zweimal tief durch; da kam auch schon das Zeichen von unten: Energisch griffen die beiden Hände in die Manuale und es erklangen die ersten Töne aus der Prelüde und Fuge für Orgel in C-Dur von Johann-Sebastian Bach.

© Niels Sören Richthofletzte Änderung: 11.07.2004